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 Bild Nr. 16: Briefkopf der Firma Heinrich Stobbe 


Bis zum Jahre 1714 reicht der Anfang der Branntweinfabrik Heinrich Stobbe zurück; denn am 20. Dezember jenes Jahres erwarb ein Cornelius Gronau von dem damaligen Pfandinhaber, Prinz Jakob Ludwig, einem Sohn und Erben des 1696 gestorbenen Polenkönigs Johann III. Sobieski, "das Haus jenseits der Tyge zur linken Hand, wenn man aus dem Schloss kommt über die Brücke bis nahe an des Steinigers Haus" und erhielt auch die Gerechtsame, Branntwein mit Kräutern zu destillieren, jedoch nicht das Recht des Branntweinbrennens. Dies Recht ruhte seit dem 23. Oktober 1617 auf dem "Gebäude zunächst der Brücke am Schlosse", das damals Michael Spitern von dem Tenutario Melchior Weiher gekauft hatte. Den benötigten reinen Branntwein musste Gronau von Isaak Wiebe beziehen. Mit dem Nachfolger Wiebes, einem gewissen Thiessen, gab es bald Unstimmigkeiten, die erst 1725 durch einen Vergleich beigelegt werden konnten.

In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts erwarb Johann Bestvater die Gronausche Destillation, verkaufte sie 1763 an Johann Donner und am 3. Mai 1766 kaufte sie der aus einer holländischen Mennonitenfamilie stammende Peter Stobbe (1751-1823), der Ururgroßvater von Bernhard Stobbe. Peter Stobbe erwarb dann sofort vom Polenkönige August III. zum Destillationsrechte das der Branntweinherstellung, das seit 1617 auf dem anderen Grundstück geruht hatte, dem Gelände der heutigen Brauerei Gebrüder Stobbe. Der neue Besitzer begann nach einem eigenen geheimen Rezepte, das er aus Holland mitgebracht hatte, einen besonderen Wacholderlikör, den er Machandel benannte, herzustellen und brachte sein Geschäft in kurzer Zeit zu bedeutendem Aufschwunge.


Nun reichte das alte Holzhaus nicht mehr aus, welches Peter Stobbe zusammen mit dem Geschäft von Donner übernommen hatte. Es wurde durch ein zweistöckiges Fachwerkhaus ersetzt. Als dieses durch einen Brand in einem Nachbarhaus 1804 mit zerstört wurde, kaufte Stobbe einige nachbarliche Brandstellen hinzu und baute in den Jahren 1805/06 das erste massive Steinhaus in Tiegenhof. Das massive große Wohnhaus am Markt Nr. 1, in dessen Keller sich auch die Destillationsanlage befand,  hat bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gestanden.



 Bild Nr. 17: Tür des alten Wohn- u. Geschäftshauses von Machandel-Stobbe am Markt Nr. 1


Fast 50 Jahre führte Peter Stobbe seine Gründung mit Erfolg und erweiterte sie bedeutend, indem er am Ende des Rossgartens eine umfangreiche Kornspiritusbrennerei errichtete.



Bild Nr. 18: Schlosserstraße - rechts ist die Konditorei Korella zu sehen (23.10.1910)




Bild Nr. 19: Schlosserstraße - links das Hotel "Deutsches Haus"

(bis 1920 Hotel und später Landratsamt oder Kreishaus).  Es wurde damals von der Stadt aufgekauft und dem neugebildeten Kreis Großes Werder zur Verfügung gestellt. Diese Maßnahme hat seiner Zeit dazu beigetragen, dass Tiegenhof der Sitz der Kreisverwaltung wurde und nicht die Nachbarstadt Neuteich.



 Bild Nr. 20: Marktstraße in Tiegenhof (10.3.1906). 

Blick vom Landratsamt auf den Beischlag von Fadenrecht auf der linken Seite. Rechts ist der Fachwerkbau von Robert Ebler zu sehen, dann 2 Häuser Kaminski / Freimann. Später Losch, Janzen-Penner, Uhrmacher Weinert, später Pille-Ziemens, Bergen u. Claaßen (Kolonial- u. Eisenwarenhandlung), früher Unger, der auch einen Machandel herstellte in Konkurrenz zu Stobbe. Alle diese Häuser hatten Zugang zur Tiege und dort Speicher. Die Häuser auf beiden Seiten und die Speicher an der Tiege haben den Krieg nicht überstanden. Nur der Baum steht noch.



Bild Nr. 21: Die mit Fahnen geschmückte Marktstraße im Jahre 1918. Die Feldpostkarte wurde am 4. 07.1918 in Rückenau im Kr. Elbing geschrieben und in Marienau im Kr. Marienburg gestempelt.



 Bild Nr. 22: Partie an der Marktstraße - das erste Haus links ist das Haus der Firma Bergen & Claaßen





Bild Nr. 23: Mehrbildkarte ca. 1939

Oben: Blick von der Zugbrücke auf das Haus der "Volksgemeinschaft". Das Haus wurde im 2. Weltkrieg beschädigt. Heute befindet sich darin die Kreisverwaltung.
Mitte: Wir stehen am Ende der Adolf-Hitler-Straße (früher Marktstraße). Auf der linken Seite ist das Stobbe-Haus dem schönen Beischlag zu sehen, gegenüber die Bäckerei Tews. Im Hintergrund sieht man das Landratsamt.
Unten: Das Kreishaus oder Landratsamt (früher Hotel "Deutsches Haus").





Bild Nr. 24: Schlossgrund mit Brauerei

Das erste Haus von links ist das Bankhaus Stobbe, das später von der Deutschen Bank übernommen wurde, dahinter die Realschule (später das Gymnasium, heute das Lyceum), am Ende der Straße das Haus des Gärtners Dargatz (steht heute noch). Rechts das Brauereigebäude der ehemaligen Brauerei von Hermann Stobbe. 

Nach dem Tode des ersten Inhabers am 23.8.1823 ging die Fabrik unter der Fa. H. Stobbe in den Besitz des Sohnes Hermann Stobbe (1790-1867) über.
Als König Friedrich Wilhelm IV. am  27. August 1844 auf einer Reise durch Westpreußen auch Tiegenhof passierte, wurde Hermann Stobbe die hohe Ehre zuteil, Sr. Majestät eine Erfrischung reichen zu dürfen. Das Glas, aus dem der König trank, wurde in der Familie Stobbe in hohen Ehren gehalten. 
Der Absatz und die Nachfrage nach dem Machandel mehrten sich von Jahr zu Jahr, so dass Hermann Stobbe im Jahre 1862 die Destillation aus dem Wohnhaus entfernte und dahinter  das massive Fabrikgebäudes auf der Westseite der Tiege erbauen ließ. 1863 wurde der erste Dampfkessel zur Destillation aufgestellt.




 Bild Nr. 25: Fabrikanlagen und Lagerräume an der Tiege bei Machandel-Stobbe

Am 1. Januar 1866 übernahm Heinrich Stobbe (1825-1910), der Sohn des Vorinhabers die Fabrik unter der Fa. Heinrich Stobbe und trat sie am 1. Mai 1891 an seinen ältesten Sohn Heinrich (1860-1932) ab. Dieser übernahm die Fabrik in einer Zeit, in der insbesondere das nahe Danzig sich zum wirtschaftlichen Zentrum Westpreußens entwickelte. In dieser Zeit des Wandels erfreute sich der Macheike, wie der Machandel mitunter auch genannt wurde, einer immer größer werdenden Beliebtheit. Anfangs schätzten ihn nur die Werderbauern, dann die Fischer und Schiffer, die Schauerleute und Sackträger, die Holz- und Gewürzkapitäne, die Lotsen und Strompolizisten, die Zöllner und Expedienten, die Taxameterkutscher und Pferdebahnschaffner, doch schließlich gewann er auch Eingang bei den "höheren Klassen", wie es damals - aber ohne Klassenhass - hieß, kurz: er war zum Volksgetränk geworden. Für die Danziger war der Machandel schlicht das "Danziger - Nationalgetränk". 

"Auch den soliden Lebenswandel stört nicht ein Stobbe'scher Machandel." Diesen Spruch kannte im Großen Werder jeder.



 Bild Nr. 26: Arbeiter Hermann Schwarz beim Filtrieren (in den Fässern waren Kiesschichten zum Klären des Machandels).  

In den Jahren 1878, 1883 und 1898 wurden die Fabrikanlagen noch durch Lagerspeicher, Pferde- und  Viehställe  erweitert. Die Fabrik hatte vor dem Kriege einen ganz bedeutenden Absatz, erzeugte in einem Jahre etwa eine Million Liter Branntwein und hatte ein ständiges Lager fertiger Liköre von über einer Viertelmillion Liter Liköre, hauptsächlich Machandel. Einige Fässer wurden immer zurückbehalten, deren Inhalt durch die natürliche Alterung des Machandels immer wertvoller wurde. Sie kamen als "Allerfeinster Tafel Machandel" und als "Jubiläums Machandel" nach 8 bis 10 Jahren in den Handel. Noch ältere Sorten wurden dann mit 15 Jahren "Alter Jahrgang" und schließlich mit 50 Jahren  Lagerung "Ältester Jahrgang". Letzterer hatte als Besonderheit durch die jahrzehntelange Lagerung ein goldgelbes Aussehen.

 Bild Nr. 27: Reklame von 1910

Durch den unglücklichen Krieg (1. WK) und die Abtrennung des Freistaates Danzig von Deutschland ist durch die entstandenen Zollgrenzen der Absatz des allgemein beliebten und begehrten Stobbe's Machandel nach Deutschland unterbunden worden. Aus diesem Grunde hat die Fa. Heinrich Stobbe, offene Handelsgesellschaft, in Marienburg Wpr., für Deutschland eine Zweigfabrik errichtet, in der gleichfalls nach altem Rezept der "Echte Stobbe's Machandel 00, Edel-Likör" hergestellt wurde. Dieses Werk wurde ab 1921 von Heinrich Eduard Stobbe, dem  ältesten Sohn der Familie Stobbe, bis zu seinem Tode im Jahre 1928,  geleitet. Zum Schutze der Echtheit sind die Original-Tönnchenflasche, das Kreuzetikett und auch der Name "Stobbe's Machandel", sowie das  Glas gesetzlich geschützt. 

Die Spirituosenfabrik und Probierstuben Stobbe's Eck am Carlsonplatz in Elbing gehörten dem Machandelhersteller Robert Stobbe, einem aus der großen Familie der Stobbes. Der Elbinger und der Tiegenhofer Stobbe stritten sich um das Urheberrecht für den Machandel 00. Horst Stobbe aus Elbing erfand in München den Typ der Bücherstube.




 Bild Nr. 28: Stobbe's Großdestillation und Probierstube Stobbe's Eck in Elbing




 Bild Nr. 29: Reklame aus dem Führer durch Elbing und Umgebung von Carl Pudor




 Bild Nr. 30: Am 8.7.1921 hat Frau Stobbe diese Karte an ihren Sohn, den "Medizinstudenten  Bernhard Stobbe" in Freiburg geschrieben. 

 

Im Jahre 1926 gab Heinrich Stobbe den Betrieb in Tiegenhof an seinen jüngsten Sohn Bernhard weiter. Am 3. Mai desselben Jahres  konnte die Firma auf ihr 150-jähriges Bestehen im Besitz der Stobbes zurückblicken. 

Auf eine fast gleich lange Tätigkeit konnte die ebenfalls durch Peter Stobbe im Jahre 1794 gegründete Brauerei "Gebrüder Stobbe" in Tiegenhof zurückblicken, zu der einmal ein bedeutendes Holzgeschäft mit Sägewerk gehört hatte. In dieser, mit den neuesten Maschinen ausgestatteten Brauerei, zu der  später auch noch die Mineralwasser- und Limonadenherstellung hinzu kamen, konnten jährlich 20 000 Hektoliter Bier hergestellt werden, und bis zur Abtrennung unserer Heimat war durch Niederlagen in Marienburg, Elbing und  Dirschau auch ein ganz bedeutender Absatz möglich.

Wie bei der Machandelfabrik haben sich auch hier die Zollgrenzen höchst nachteilig für den Betrieb und den Umsatz ausgewirkt. Über das Tiegenhöfer Bier können wir in der "Geschichte des Kreises Großes Werder" folgendes lesen: "Das Geheimnis des Tiegenhöfer Bieres, sein besonders gutes Wasser (ein neuer Tiefbrunnen wurde 1937 erst gebohrt) hat dafür gesorgt, daß Danzigs Großbetriebe hier im Werder nicht gegen  sie aufkommen können. So lange die plattdeutsche Sprache der Väter sich in unserem Heimatkreise und im Danziger Heimatlande behaupten, wird es auch immer so bleiben, daß ein "Deputatchen" aus einem Stobbschen Weißen und einem Stobbschen Biere bestehen."



Bild Nr. 31: Die Heinrich Stobbestraße in Tiegenhof

In Danzig gab es eine Vielzahl von "Kukilorchen", wie der Danziger die vielen edlen Wässerchen auch zu nennen pflegte, aber nur einen Stobbe Machandel. Besucher aus aller Herren Länder lernten den Machandel in Danzigs Familien oder in den reichlich vorhandenen Gaststätten kennen und schätzen. So auch bei "Machandel Reimann" in der Hundegasse 22/23.



Bild Nr. 32: Reimanns Machandel-Stuben in Danzig, "die Gaststätte, in der man gerne verweilt" (1938)

Die Firma Johannes Reimann war Alleinvertreter der Firma Heinrich Stobbe und besaß ab September 1939 auch die alleinige Vertretung für den neuen Reichsgau "Danzig Westpreußen". In den zwanziger Jahren übernahm Johannes Reimanns Sohn Herbert den Betrieb und führte diesen bis 1945.

Der Machandel wurde in Fässern auf dem Wasserweg aus Tiegenhof geliefert und bei Reimann in Tönnchenflaschen zu 1/10, 1/4, 1/2 uns 1/1 Liter abgefüllt. 


 verschiedene Tönnchenflaschen und Tönnchen der Firma Stobbe



Bild Nr. 33

Auch zwei spezielle Machandelgläser wurden hergestellt und patentrechtlich geschützt. Die Gläser hatten ein ähnliches Aussehen wie die Flaschen und wurden im Volksmund "Tönnchen" oder zuweilen auch "Bommchen" genannt. Die Größe und die Beschriftung der Gläser änderte sich von 1897 - 1970 mehrfach. Als Beschriftung sind bisher bekannt geworden: "Stobbes's 00", "Stobbe's Machandel 00" und "Stobbe's Machandel".



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